|
Ölbild:
Die Bleichwiese
In
meiner Jugendzeit während der dreißiger Jahre gab
es sie noch, die Bleichwiese. Sie befand sich an der Stelle,
wo heute in der Jahnstraße das Haus des Schuhmachermeisters
Heinrich Becker steht. Im Hintergrund kann man auf meinem Bild
die Bäume im Schoßpark erkennen.
Heute,
60 Jahre später, wissen nicht mehr viele, was das war.
Für uns Kinder war sie ein kleines Paradies. Für viele
Hausfrauen war sie unentbehrlich, konnten sie doch ihrer Wäsche
eine Frische, ein strahlendes Weiß geben wie es die heutige
Chemie immer noch nicht vermag. Es gab schon einige Waschmaschinen
im Dorf. Die meisten wurden per Hand angetrieben. Viele Frauen
wuschen noch mit Wäschestampfer und Waschbrett. Oft mußte
ich der Mutter beim Waschen helfen. Das machte mir kleinem Taugenichts
natürlich nicht allzuviel Spaß. Allzuoft verstand
ich es, mich aus dem Haus zu schmuggeln.
Auf
der Bleichwiese gab es zwei große Tröge aus Basalt,
in denen gewaschen wurde. Sie waren im Laufe der Zeit durch
häufige Benutzung glatt geworden. Aus der Leitung lief
ständig Wasser hinein. Nach hinten konnte man das Wasser
durch eine Mauer ablaufen lassen, direkt in den "Kanal".
Der Kanal war die eigentliche Attraktion für uns Kinder.
Im Grunde war er nur ein Brandweiher; das Spritzenhäuschen
der Feuerwehr stand nur 50 Meter weiter in der Jahnstraße.
Jeder
Bassenheimer Junge wird im Einmachglas seine Stichlinge nach
Hause getragen haben. Als Angelzeug benutzten wir eine Sicherheitsnadel
an einem Stück Faden. Ein Wurm wurde aufgespießt,
und ab ging´s. Die Männchen, die in der Paarungszeit
leuchtend rote Bäuche hatten, waren am begehrtesten. Zu
Hause, einsam im Einmachglas, verloren sie aber bald ihren Hochzeitsschmuck,
was wir Kinder gar nicht verstehen konnten.
An
warmen Sommertagen wurde der Kanal zu unserem Schwimmbad umfunktioniert.
Wenn man nicht allzu klein war, konnte man das Wasser von einem
bis zum anderen Ende durchqueren. Wir Jungens bastelten uns
Schwimmwesten aus Flaschenkorken, die wir auf Wurstschnüren
aufreihten. Das gab ein abenteuerliches Aussehen. Viel Gezeter
war zu hören, wenn Bauern ihre Pferde das Wasser durchqueren
ließen. Diese scheuten sich nicht, regelmäßig
mittendrin ihre Roßäpfel fallen zu lassen und färbten
das ansonsten so grüne Wasser braun. Wir versuchten dann,
die unerwünschten Gegenstände so schnell wie möglich
durch den Überlauf hinauszubugsieren. Manchmal schwammen
auch Hunde durch das Wasser. Das gefiel uns zwar gar nicht,
aber niemand konnte sie davon abhalten, ins Wasser zu gehen.
Größere
Kinder konnten an der Bleiche ein paar Pfennige oder sogar Groschen
verdienen. Frauen nämlich, die ihre Wäsche zur Bleiche
brachten, zeitlich aber ein knapp waren, beauftragten gerne
ein Kind, die auf dem Gras bereits ausgelegte Wäsche naß
zu machen. Die Sonne schaffte dann auf ganz natürliche
Weise das, wofür wir heute Chemie bemühen. Allerdings
liefen auf der Bleichwiese auch Hühner. Es geschah immer
wieder einmal, daß jemand nicht aufpaßte. Im Nu
scharrte eine Schar Hühner auf den Bettlaken herum und
ließ zu allem Übel auch noch Verdauungsrückstände
auf strahlendem Weiß zurück.
Uns
Jungens machte das nichts aus. Wir knieten auf der Mauer und
angelten. Richtige Angelhaken kannten wir nicht. Ein Fisch,
der angebissen hat, mußte schnell herangezogen werden
und mit der freien Hand gefangen werden.
Im
Monat Mai gab es dann eine besondere Attraktion. Ganz am anderen
Ende der Bleichwiese vor dem Bockställchen standen ein
paar junge Bäume. Als Kind schaffte man es gerade noch,
sie zu schütteln. Dann regnete es Maikäfer, die wir
in Streichholzschachteln mitnahmen, um sie in der Schule fliegen
zu lassen. Es war ein Wahnsinnsspaß, wenn so ein Maikäfer
mit tiefem Gebrumm kreuz und quer dich die Klasse flog und dann
gegen das Fenster klatschte. Das war schon eine Strafe wert.
Manchmal
war auch der Ziegenbock, der von der Gemeinde gehalten wurde,
draußen auf der Wiese festgemacht. Natürlich war
es verboten, den Erzeuger von alljährlich vielen Zicklein
zu necken. "Aus Versehen" geschah es aber doch hin
und wieder. Sehr interessant war das für uns allerdings
nicht, denn er stank wirklich im wahrsten Sinne des Wortes wie
ein Ziegenbock.
Es
gibt ihn schon lange nicht mehr. Es gibt keine Bleichwiese mehr
und keinen Kanal. Viele Wohnhäuser wurden dorthin gebaut,
wo wir als Kinder so gern gespielt haben. Viele Kinder wurden
dort geboren und haben selbst schon wieder Kinder. Sie alle
haben unser kleines Paradies nicht gekannt. Mit uns, die wir
heute 60 Jahre und älter sind, stirbt eines Tages die Erinnerung
daran. Aus diesem Grunde habe ich diese Zeilen geschrieben und
ein Bild dazu gemalt, so wie es in meiner Erinnerung heute noch
lebt.
|